9.5. Funktionsgrammatik oder Formgrammatik

Eine wichtige Fragestellung im Deutschunterricht ist, ob die Grammatikvermittlung von der Form oder von der Funktion ausgehen soll. Da der Grammatikunterricht nicht Selbstzweck ist, sondern das Sprechen unterstützen soll, scheint vorteilhaft zu sein, beide Ansätze auszuprobieren. Die meisten grammatischen Strukturen haben eine Funktion, die zum Ausgangspunkt der Unterrichtstätigkeit dienen kann. Die situative oder thematische Einbettung der Grammatikvermittlung zeigt dem Schüler die Funktion der jeweiligen Struktur. Nehmen wir exemplarisch die Sprechabsicht eine Vermutung auszudrücken. Eine häufige Gegebenheit im Unterricht ist, dass z. B. eine Schülerin fehlt. In dieser authentischen Situation ist wohl die Frage „ Wo könnte sie sein?" angebracht. Die Antworten sind in der Regel Vermutungen. Damit die Mitschüler ihre Vermutungen ausdrücken können, werden ihnen passende Redemittel angeboten, wie z. B.

Sie ist bestimmt krank.
Sie muss krank sein.
Sie dürfte gleich kommen,
.....
Die Situation, Abwesenheit einer Schülerin, ist sehr gut geeignet, um sich sprachlichen Strukturen von der Funktion her zu nähern. Diese Annäherungsweise ist jedoch nicht immer möglich. So stellen die meisten Übungsgrammatiken die sprachlichen Formen in den Mittelpunkt. Es gibt jedoch ein Übungsbuch, „GRAMMATIK IN FELDERN", das nicht von den Formen ausgeht. Sie ist keine Formgrammatik, sondern eine Inhaltsgrammatik. Diese Grammatik geht von Inhaltsbereichen aus und zeigt eine Vielfalt der Formen, die den jeweiligen Inhalt ausdrücken. Wir finden eine Vielfalt möglicher sprachlicher Realisierungen bestimmter Inhalte, wie z. B. Person, Begründung, Bedingung, Absicht, Folge, Widerspruch, Vergleich, Aufforderung, Wunsch. Exemplarisch soll hier eine Auswahl sprachlicher Mittel stehen, mit denen man eine Vermutung ausdrücken kann:

„a) Grammatische Sprachmittel:

- Futur I. Das wird ........sein
- Modalverb: Das könnte / dürfte ...... sein,
- Modalwort: Das ist vielleicht / eventuell .....
- Partikel Das ist wohl .....
- scheinen zu + Inf
Das scheint ....... zu sein.
- glauben Ich glaube, das ist .....
[....]

b) lexikalische Sprachmittel
Feste Wortverbindungen
mein kleiner Finger sagt mir, dass ... (ugs. scherzh.)
mein sechster Sinn sagt mir, dass
meine / die innere Stimme sagt mir, dass..."
(GRAMMATIK IN FELDERN S. 308-309).

iDevice ikon Aufgabe 12
Haben Sie als Lerner im Deutschunterricht beide Ansätze erlebt? Ist Ihr Lehrbuch / Lehrer bei der Grammatikvermittlung von der Funktion oder von der Form ausgegangen?